Das lateinamerikanische (Volks)Lied

Kunstmusik, Volksmusik, volkstümliche Musik?

© Justo Fernández López


 

Kurt Pahlen (1) war der erste, der sich über die Definition des lateinamerikanischen Liedes Gedanken gemacht hat. Er zitiert die Definition von Hugo Riemann in seinem alten Lexikon: "Volksmusik heißt entweder ein Lied, das im Volk entstanden ist (das heißt, dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eines, das in den Volksmund übergegangen ist, oder eines, das 'volksmäßig', das heißt schlicht und leicht fasslich in Melodie und Harmonie komponiert ist." Nach Kurt Pahlen vermischt hier Riemann Volkslied mit volkstümlichem Lied; er meint aber, dass es so enge Zusammenhänge zwischen Volksmusik, volkstümlicher Musik und Kunstmusik gebe, dass eine echte Trennung nicht leicht, ja oft überhaupt nicht vorzunehmen ist. Er spricht von einem großen Kreislauf: Die Musik wird im Volk geboren, steigt zur Kunstmusik auf, deren Absinken nach einer gewissen Zeit wiederum die Volksmusik befruchtet. Lateinamerika stellt ein Musterbeispiel dafür dar.

Lateinamerikanische Volksmusik ist größtenteils jung. Denn alte indianische Anklänge finden sich höchstens in den Anden oder in einigen Regionen Mexikos. Auch hat sich das Indianische mit europäischer Musik vermengt, wobei ein besonders faszinierendes Phänomen ins Auge sticht: Zwar brachten die Europäer ihre Volksmelodien nach Lateinamerika mit, doch konnten diese nicht überleben. Die meisten der heutigen Folklorelieder in Lateinamerika schöpfen "nicht aus mitgebrachten Volksliedern", sondern "aus eingeführter Kunstmusik". (2)

Im 18. und 19. Jahrhundert kamen Modelieder und Modetänze wie Gavotte, Menuett, Walzer und Polka aus Europa nach Lateinamerika, und das Volk zögerte nicht, die Oberschicht zu imitieren. Ein Musterbeispiel dafür sind die Gauchotänze Argentiniens, die ihren Ursprung, den europäischen Gesellschaftstanz, längst überlebt haben. "Sie halten sich noch in der südamerikanischen Folklore. Hier werden heute noch im Tanz nur die Fingerspitzen berührt, oder es wird ganz 'offen' getanzt wie im Europa längst vergangener Jahrhunderte," führt Pahlen aus. "Und die Musikformen sind deutlich 'sozial abgesunken': Was vor zweihundert und hundert Jahren Monopol der Oberschicht war, ist Volksmusik, ist Folklore geworden." (3)

So entsteht in Lateinamerika Folklore aus dem, was in Europa gerade nicht als 'volkstümlich' gilt. Sie entsteht heute noch, täglich, und es wäre ein Irrtum, sie als erstarrte, historische Musik zu betrachten. Sie ist lebendig und befindet sich in dauerndem Fluss.

 


 

Die Entwicklung der lateinamerikanischen Musik

 

"Die lateinamerikanische Musik ist so unterschiedlich, wie man es von einem Kontinent erwarten kann, der aus fast 30 Staaten zusammengesetzt ist," so überschreibt John Storm Roberts seinen Artikel "Quellen der Lateinamerikanischen Musik". (4) Drei verschiedene Kulturen schlugen hier Wurzeln ‑ die indianische, die europäische und die afrikanische ‑, nicht zu reden von den Mischungen. In der Zelt der Conquista und der Colonia war der spanische Einfluss am stärksten. Im 19 Jahrhundert, nach der Unabhängigkeit von Spanien, wurde der Einfluss der französischen und italienischen Musik stärker. Die Entwicklung aber ist trotz des ähnlichen kulturellen Hintergrunds in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich verlaufen, da auch kleinste Länder ihr eigenes musikalisches Gepräge haben. Storm Oberts spricht von einer "Blutmischung", die in jedem der Länder eine Eigenheit besitzt (5): So lässt die kubanische und lateinisch‑karibische Musik indianische Elemente vermissen, so wie die Musik mancher Andenbewohner frei von afrikanischen Elementen ist. Den drei Kulturen, die sich in Lateinamerika fast ungewollt begegnen, entsprechen aber vielfach auch drei soziale Schichten, die sich kaum berühren.

Was die gegenseitige Einflussnahme betrifft, so ist interessanterweise trotz ihres musikalischen Reichtums fast nichts von der lateinamerikanischen Musik in die Musik der USA übergegangen. Umgekehrt stammt das, was innerhalb von Lateinamerika nachhaltigen Einfluss gewann, aus Kuba, Brasilien, Argentinien und Mexiko. Der kubanischen Musik ‑ als "geglückteste Verschmelzung von afrikanischen mit spanischen Elementen' (6) ‑ kam dabei die wichtigste Rolle zu.

Grundsätzlich aber bleibt die spanische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts das beherrschende Modell, das freilich permeabel genug ist, um neue koloristische und rhythmische Einflüsse aufzunehmen. Erst im späten 19. Jahrhundert beginnt man in den Ländern mit ausgeprägter indianischer Bevölkerung deren Musik mittels europäischer Instrumente und Notationen aufzuschreiben. Zu dieser Zeit ist die Überlieferung der spanischen Musik des 16. bis 17. Jahrhunderts vergessen und vordrängt worden, und statt dessen hat sich die Salonmusik etabliert, zu der noch der Einfluss der italienischen Oper hinzukommt. Einige lateinamerikanische Länder, die reich geworden sind und in denen eine kulturelle Elite entstanden ist, lassen Interpreten aus Europa engagieren, die in den Häusern der Aristokratie verkehren. Und in solchen Fällen werden Deutsche bevorzugt. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren Länder wie Argentinien und Chile so reich, dass sie es sich leisten konnten, die Mailänder Scala mit ihren besten Solisten bis hin zum Chor, Orchester und Ballett für drei Monate im Jahr zu engagieren. Winzige, aber steinreiche Salpeter‑Dörfer im Norden Chiles luden Tänzerinnen wie Anna Pawlowa oder Sänger wie Enrico Caruso zu Gastspielen ein. Einige dieser Musiker blieben für immer in diesen Ländern und trugen zu einer Kontinuität des europäischen Einflusses bis heute bei.

Die meisten lateinamerikanischen musikalischen Formen lassen sich auf diese Weise schwer festlegen, da sie fast immer Mischformen sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die typische Liedform des 19. Jahrhunderts, die habanera, die aus der contradanza, einer spanischen Variante des englischen country dance, hervorgegangen ist. Von Anfang an verschmolzen jedoch mit der kubanischen contradanza afrikanische Elemente: "Weiße wie schwarze Musikbands spielten die gleichen Stücke, doch die schwarze Musik swingte", wie Storm Roberts sagt. (7)

Auch Argentinien läßt sich als Beispel für Mischformen zitieren. Selbst wenn heute in Argentinien die schwarze Bevölkerung kaum mehr ins Gewicht fällt, nahm sie noch im 19. Jahrhundert großen Einfluss auf die argentinische Musik. Für viele Autoren ist der tango (8) daher auf jeden Fall eine Mischung aus europäischen und afrikanischen Elementen, wobei hier die Italiener, nicht wie in Kuba Spanier, prägend sind. Gato Barbieri meint dazu: "Von der Harmonik her ist der Tango ohne Zweifel europäischen Ursprungs, die Melodie hat sogar etwas Opernhaftes. Aber der Rhythmus kommt aus Buenos Aires, das ist klar." (9)

Wie in Argentinien, so waren auch in Mexiko die Musikelemente der Schwarzen von geringerem Einfluss, und das Europäische überwog stets. Nach Mexiko wanderten zudem vor allem Nordspanier ein, wodurch auch Einflüsse aus den übrigen Volksmusiken Europas zum Tragen kamen. In die Karibik hingegen gelangte mehr das Südspanische, das maurisch beeinflusste Element. (10) Schließlich hatte sich in Mexiko auch das Französische breit gemacht, und mit ihm ein so Anstoß erregender Tanz, wie der Walzer es war. Noch heute gilt der 3/4 Takt als der beliebteste in Mexiko. Neben dem Walzer fasste auch die Polka Fuß, deren 2/4 Takt nicht nur am Land, sondern auch im Schlager volkstümlich geblieben ist. Die frühesten kubanischen Einflüsse dagegen lassen sich in Mexiko erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ‑ mit der habanera ‑lokalisieren.

Die Frage also nach der "Echtheit", nach der "Ursprünglichkeit" der lateinamerikanischen Musik, meint Storm Roberts, ist doch recht überflüssig. "Nicht nur haben nämlich die verschiedenen Lateinamerikanischen Länder sich seit Jahrhunderten gegenseitig beeinflusst, einige ihrer als typisch verstandenen Musikstile sind aus der Verschmelzung der einheimischen mit den importierten musikalischen Elementen hervorgegangen. [...] Die Tradition der lateinamerikanischen Musik besteht im Grunde seit über hundert Jahren aus unaufhörlicher Verschmelzung."(11)

 


 

Eingrenzung gleichartiger musikalischer Entwicklungen

 

Auf dem Hintergrund der nun in aller Kürze geschilderten unterschiedlichen und doch wieder vergleichbaren Entwicklungen hat Claus Schreiner (1982) die folgende geographische Zuordnung der Musikfolklore Lateinamerikas erstellt:

"Region I

Bolivien, Peru, Chile, Nordargentinien, der Süden Ekuadors: Gebiet der sog. Anden‑Folklore mit starken Einflüssen der weitreichenden Aymará‑ und Ketschua‑Kultur einerseits und iberischer/spanischer Musik andererseits. Starkes Gefälle zwischen Hochland, Tiefland und Küstenregionen im Mestizisierungsgrad der Musik.

Region II

Die ehemaligen La‑Plata‑Staaten Argentinien und Uruguay mit geringem Anteil amerindischer Musik, vorwiegend europäisch geprägt (kreolisiert), in Uruguay schwache afrikanische Präsenz. Dazu gerechnet werden müssen Teile Südbrasiliens, ferner Paraguay (mit sehr homogener Kultur der Guaraní).

Region III

Brasilien: in den Küstenregionen starke afrikanische Beteiligung; im Landesinneren afrikanisch‑amerindisch‑europäische Mischformen.

Region IV

Die Guayana‑Staaten: sind in diesem Buch aufgrund mangelnder Informationen nicht berücksichtigt.

Region V

Kolumbien und Venezuela mit Teilen Panamas, Honduras, Guatemalas in der Nähe zu Kolumbien: starke afrikanische Präsenz an der Küste; amerindische Mischformen und Naturvölker im Süden.

Region VI

Die Karibische Inselwelt: nach der Begegnung afrikanischer Kultur mit spanischen Einflüssen auch solche französischer, britischer, holländischer und sogar nordamerikanischer Herkunft.

Region VII

Mittelamerika bis nördlich der mexikanisch‑texanischen Grenze: vorwiegend Mestizenmusik; vereinzelt amerindische Kulturbereiche, besonders im Süden."(12)

Im Anschluss daran seien nunmehr nach Ländern gegliedert die wichtigsten Liedformen vorgestellt.

 


 

Der Reichtum der Liedformen in Lateinamerika,

gegliedert nach Ländern und Formen (13)

 

Andengebiet

 

Ballenato: aus Peru und Bolivien; Tanz‑ und Liedform aus der Quebrada de Humahuaca.

Carnavalito: aus Nordargentinien. Es ist eine Mischung des huayno mit Tanzformen aus dem Chaco. Die Texte besingen die Freude darüber, dass der Karneval kommt, oder die Enttäuschung bzw. die Einsamkeit, wenn der Karneval vorbei ist.

Cueca boliviana: eine schnellere Version der argentinischen Cueca.

Festejo: ein Rhythmus und eine Liedform der schwarzen Bevölkerungsgruppe aus Peru. Er ist verwandt mit dem candombé aus Uruguay und mit der cumbia aus Kolumbien.

Yaraví: eine ganz langsame, klagende und sehr traurige Liedform, auch canción triste genannt. Die indianischen Elemente sind dabei unüberhörbar. Der yaraví wird sehr oft mit dem huayno kombiniert zu einem yaraví‑huayno.

Huayno: Wort in der Kechua Sprache für "Tanz", es wird in Gruppen getanzt. Der huayno ist die nationale Lied‑ und Tanzform von Peru.

Marinera: eine sehr rhythmische Liedform, die in Peru von der Küste bis zum Urwald zu finden ist. Es gibt Variationen der marinera in allen Regionen Perus. Der Tanz zeigt die Koketterie der Frau gegenüber dem Mann.

Pasillo: Mestizische Tanz‑ und Liedform aus Ekuador.

Takirari: rhythmische Liedform aus dem Hochland Perus (Puna). Er wird bei Prozessionen und Paraden in der Gruppe gesungen und getanzt.

Vals criollo: der berühmte vals paruano mit sehr kunstvoller Musik und einem im "Hochspanischen" Stil verfassten Text.

Wichtige Interpreten: Los Calchakís, Los Campesinos (gute Interpreten des huayno), Los Incas.

 

Argentinien

 

Baguala: eine der ältesten Liedformen Argentiniens. Die baguala entspricht dem yaraví in den Anden. Der Text lebt von der Improvisation.

Bailecito: aus dem Norden; ist auch ein Tanz.

Cachullapi: Liedform aus Ekuador, ohne Verbreitung im Andengebiet.

Carnavalito: aus dem Norden; ist oft sehr humorvoll.

Cueca: eine schnelle Version der argentinischen Zamba.

Chamamé: Liedform aus der Provinz Corrientes, er wird in einer Art Polka-Rhythmus gesungen.

Chamarrita: Liedform aus Uruguay.

Chirihuaqui: urtümliche Tanz‑ und Liedform aus Ekuador.

Chaya: Karneval‑Lied, wie ein Walzer.

Cielito: Liedform aus der Pampa.

Cifra: Liedform aus der Pampa.

Estilo: Liedform aus der Pampa, aus der Kolonialzeit.

Huella: Weihnachtslied

Milonga: aus dem Süden; die habanera war um 1850 mit den spanischen Theatergruppen nach Buenos Aires gekommen und hatte hier rund 30 Jahre später die milonga in die Welt gesetzt. Diese milonga ergänzte zunächst das Leidrepertoire der payadoren in Stadt und Land und bot ihnen besonders in der Form der payada de contrapunto improvisatorische Möglichkeiten. Etwas später avancierte die milonga generell zur canción criolla Argentiniens und fand in leicht afrikanischer Färbung ihr Podium in den cuartos de las chinas von Buenos Aires; so wurden die Bordelle der Schwarzen und Mulattinnen genannt. Die vornehme habanera hielt sich von ihrem Bastard in den Vorstädten und auf dem Lande in geziemender Entfernung.

Rasguido doble: effektvoller Rhythmus, erzählender Text.

Tango: Der tango entsteht zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts im Einwanderermilieu von Buenos Aires. Der Tango verdankt den afroargentinischen Kultureinflüssen viel, jedoch nicht alles. Unter den Bezeichnungen candombé und tango liefen im 18. und 19. Jahrhundert eine Reihe von Tänzen der Schwarzen. Daraus allein hätte sich der argenfinische tango nicht entwickeln können. Er verdankt seine Entstehung einer seltenen Koinzidenz vowiegend gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen in Buenos Aires. Kaum war der Krieg Argentiniens gegen Paraguay (1870‑76) beendet, schwoll die Einwanderungswelle der Europäer am Río de la Plata an. Rund die Hälfte der Einwanderer blieb in Buenos Aires. Man muß sich die Atmosphäre dieser Stadt in jenen Tagen vorstellen, um zu verstehen, warum der tango nur zu dieser Zeit und keiner anderen hatte entstehen können. Bordelle und Vergnügungslokale im Hafen und in Stadtrandgebieten (orillas) hatten Hochkonjunktur, da die von Nervosität und Unruhe erfüllten Menschen Entspannung und Zerstreuung suchten. In den Vergnügungsvierteln traten Musiker, Sänger, Tänzer der Gaucho‑Kultur auf, gab es Kneipen, in denen Musiker der candombe‑Gruppen spielten, und andere, in denen die neuen städtischen Troubadours ihre milongas sangen. In den Theatern und Opernhäusern verkündeten die Spielpläne Gastspiele europäischer Theatergruppen mit ihren Versionen spanischer zarzuelas. Die Einwanderer konnten zumindest in ihren Cafés ihre kulturellen Eigenarten pflegen, was denn auch nicht ohne Auswirkungen auf die einheimischen Traditionen blieb. Die Atmosphäre jener Zeit war ein geradezu ideales Klima, in dem sich Verschmelzungen musikalisch‑tänzerischer Ausdrucksformen vollziehen konnten. Es war nur eine Frage der Zeit, dass diese Musikgruppen zwischen academias de bailes und Bordellen in einem Milieu florierender Prostitution, Zuhälterei und Kriminalität die spielerische Synthese akustischer Eindrücke jener Zeit vollzogen. Diese Synthese mit Namen tango ist indes so perfekt geglückt, dass der Nachweis seiner musikalischen Ursprünge heute ein hoffnungsloses Unterfangen wäre. Übereinstimmung besteht immerhin darüber, dass die Quellen des tango in habanera, candombe und milonga zu suchen sind.

Tonada: aus dem Norden; es ist eine Art estilo, eine langsame und in Chile sehr verbreitete cueca.

Vidala: aus dem Norden; typisches Lied aus Santiago del Estero. Der Text ist sehr wichtig. Er behandelt die großen Themen des Lebens. Sie klingt oft Klagelied.

Zamba: nicht zu verwechseln mit der brasilianischen Samba; die zamba ist "das" argentinische Lied schlechthin, kunstvoll aufgebaut und mit einem literarisch sehr gut strukturierten Text. Wie die cueca, die viel schneller und weniger lyrisch ist, ist die Zamba aus der spanischen klassischen zamacueca entstanden. Als Tanzform wirkt sie sehr anmutig.

Wichtigste Interpreten: Los Fronterizos mit Eduardo Falú (von ihnen ist die Misa Criolla besonders zu empfehlen). Los Chalchaleros gelten als die echtesten Interpreten der argentinischen Folklore. Los hermanos Avalo, Los Cantores de Quilla Huasi, Los Nocheros de Anta, Los Tucu Tucu usw.

Elnzelne Interpreten: Eduardo Falú, Atahualpa Yupanqui, Horacio Guarany, Jorge Cafrune, José Larralde, Mercedes Sosa.

 

Chile

 

Cueca: Aus der alten Tanzform zamacueca (zamba cueca) sind die argentinische zamba und die chilenische (auch argentinische und bolivianische) cueca entstanden. Der Text ist lustig und fröhlich. Die cueca (französisch la clouque) imitiert die Bewegungen der Glucke. Der Rhythmus ist etwas schneller und leichter als der der zamba.

Resbalosa oder refalosa: europäische Elemente gemischt mit indianischen Elementen aus Chile.

Tonada: Der Rhythmus ist dem der zamba oder der cueca sehr ähnlich, aber der Text ist nicht so strukturiert wie bei der zamba. Der Text der tonada erzählt und beschreibt in langen Zügen Begebenheiten des Lebens.

 

Karibik und Kuba, Puerto Rico,

Dominikanische Republik, Jamaica

 

Bolero: Ursprünglich aus Kuba, ist der bolero ein mittelschnell gespielter Tanz, der sentimental verlangsamt internationale Popularität erlangte. Als Liedform ist er äußerst beliebt, um Liebe, Liebeskummer und Leidenschaft zu besingen. Die Texte des bolero (fast schon eine eigene literarische Gattung) wurden von der spanischen Literaturwissenschaftlerin Iris M. Zavala (27) wissenschaftlich, sehr einfühlsam, aber nichtsdestoweniger leidenschaftlich untersucht. Große lnterpreten des bolero sind: El Trio Los Panchos; Los Tres Caballeros; Los Tres Ases.

Calipso: bekannteste Rhythmus‑ und Liedform aus Trinidad. Harry Belafonte hat ihn in den USA populär gemacht.

Chachachá: Es handelt sich um einen schnelleren und nicht so ernsten bolero. Er wurde von den kubanischen Musikern um 1950 in New York entwickelt. Besingt der bolero die Leidenschaft der Liebesbeziehung und beklagt ihr Scheitern, so behandelt der chachachá die ewige Geschlechterspannung und belächelt jede Sehnsucht nach Liebesglück und Treue zwischen Mann und Frau.

Conga: Karnevalmusik aus Santiago de Cuba mit einem schweren pulsierenden Beat. Eine lateinamerikanische Rhythmusmusik, die in der Neuen Welt weit verbreitet war. Es wird zu dem Rhythmus auch gesungen.

Guaguancó: die afrikanische Variante der rumba.

Guajira: eine ländliche Liedform aus Kuba mit spanischen Elementen, besonders was den lyrischen Text botrifft. Das Wort guajira heißt weiße Frau aus dem Lande. Die populärste guajra ist die Guantanamera, die in Europa fast wie ein chachachá gesungen wird.

Guaracha: ein ursprünglich afrikanischer Rhythmus. Der Text ist immer bewusst   doppeldeutig oder pikant. Es existieren viele verschiedene Formen der guaracha. Sie sind weniger am Rhythmus als am Text zu erkennen. Eine guarachera ist eine Frau, die öffentlich alle Liebesskandale in Guaracha‑ Rhythmus erzählt bzw. besingt.

Habanera: alte spanische Tanzform, die in Kuba Fuß gefasst hat. Neben der guajira ist die habanera die zweite Liedform, die von Spanien stark beeinflusst wurde. Die habanera ist um 1825 in Kuba (La Habana) entstanden; sie kehrte später in einer verfeinerten Version nach Spanien zurück und ist als cuplé ein fester Bestandteil der spanischen zarzuela geworden. Über Paris kam sie nach Argentinien und bildete die Grundlage für den tango porteño. Berühmt ist die habanera aus der Oper "Carmen" von Bizet: "L'amour est un oiseau rebelle...". Sie war im 19. Jahrhundert in allen Salons sehr populär. In Deutschland ist eine Habanera sehr populär geworden und zwar La Paloma.

Lucumí: schwarzafrikanischer Kult auf Kuba, dessen Wurzeln bei den Nigerianern und dem Dahomeyanischen Yoruba‑Volk liegen. Yoruba ist denn auch die religiöse Sprache geblieben. In Puerto Rico und den umliegenden lateinamerikanischen Ländern auch unter santería ein Begrfff für alte afrikanische Gebräuche. Die salsa hat einige der Elemente übernommen, vor allem das rhythmische, den ganz eigenen afrikanischen Melodienstil sowie einige seiner Songs. Die Texte singen und beklagen das Schicksal der Sklaven in Amerika.

Mambo: eine ebenfalls aus schwarzafrikanischen Kulten in Kuba entwickelte Musik des Kongo. Große Verbreitung in Puerto Rico. Von Pérez Prado und Xavier Cugat mit ihren spanischen Orchestern in den USA populär gemacht. Grundsätzlich eine Tanzform, ist aber auch eine Liedform.

Merengue: charakteristische Rhythmus‑ und Liedform aus Santo Domingo. Der merengue ist Anfang des 19. Jahrhunderts in Santo Domingo entstanden, aber er ist auch rundum überall zu finden und war in seiner modernen Form von Big Bands wie Johnny Ventura's in New York zu hören. Kolumbien kennt eine eigene Version des marengue. Der merengue hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Polka. Seit 1991 hat sich der merengue auch in Spanien etabliert, wurde von dem dominikanischen Sänger Juan Luis Guerra eingeführt und populär gemacht.

Plena: afrikanisch‑puertorikanischer Songstil der City mit spanischen Elementen; besteht aus meist vier‑ oder sechszeiligen Versen mit Refrain oft satirischen oder lyrischen Inhalts. Der Text enthält lyrisch‑satirische Themen und wurde oft für die politische Satire verwendet. Percussion, Akkordeon, Gitarre ‑ es gibt jede Art von Begleitung dazu.

Rock latino: Mischung aus amerikanischem Rock und kubanischer salsa.

Rumba: aus dem son entstandene afro‑kubanische Tanz‑ und Liedform (die macumba ist ein afro‑brasilianischer Rhythmus). Der Rhythmus der rumba imitiert den Gang der afrikanischen Sklaven mit Ketten an den Füßen. Mit der rumba beklagten die Sklaven ihre Pein (berühmte ist die Rumba Tombah). Die rumba wurde in Europa zu einem Salontanz, wobei sie die erotischen Elemente zugunsten akrobatischer Einlagen verloren hat. Heute ist sie in Nordamerika bei Wochenend‑Unterhaltungs‑Musik in Parks zu hören. Bei der salsa und mit dem Namen rumbón kennzeichnet sie  "jam‑session" bzw. eine Percussion‑Passage. Aus der rumba sind viele Rhythmen entstanden, der bekannteste ist der kubanische guaguancó.

Rumba flamenca: Der Flamenco hat die rumba aus Kuba in Spanien importiert. Die rumba flamenca hat in Spanien einen festlichen bzw. erotischen Charakter. Fast alle Flamenco‑Darbietungen enden mit mehreren Rumbas. Die rumba flamenca ist in den letzten Jahren durch Dauerbrenner wie Bambolero, ¡Báilame! und andere 'Schlager' der französischen Zigeunergruppe Gipsy Kings sehr populär geworden. In Spanien hat Peret die rumba flamenca als rumba catalana sehr populär gemacht. Populär war auch die spanische Gruppe Rumba tres.

Salsa: der Begriff umspannt einen tempogesteigerten, kreativen lateinamerikanischen Sound. Was man beim Jazz unter "drive" versteht, wird hier als salsa picante (scharfe Soße) etwas pampig ausgedrückt. Eine Mischung aus rumba, chachachá, lucumí, guaguancó, guajira und anderen karibischen Rhythmen und Liedformen. Sehr verbreitet in den USA unter den Latinos. Det Text ist oft sehr kreativ und arbeitet mit Improvisation. Die Latinos bezeichnen als salsa picante das, was im amerikanischen Jazz als "drive" bezeichnet wird.

Son: aus Kuba, der "Perle der Karibik", kommen fast alle karibische Rhythmen, die weltweit bekannt sind. Die Grundlage dieser Rhythmen war der son, "la obsesión de los cubanos". Der son montuno ist die echteste kubanische Gesangs‑ und Tanzform. Er ist die älteste und sicherlich ausgewogenste Verschmelzung der schwarzen mit den spanischen musikalischen Kulturen überhaupt. Aus dem son sind die rumba und ihr Ableger der gunguancó entstanden.

Soul latino: Mischung aus amerikanischem Blues und salsa latina.

 

Kolumbien

 

Bambuco: aus der Cauca‑Region. Thema der Lieder: die Liebe. Der bambuco ist außerhalb Kolumbiens in Venezuela und Mexiko sehr verbreitet.

Cumbia: Produkt der drei ethnischen Gruppen auf kolumbianischem Boden; gilt als die populärste und weitest verbreitete Lied‑ und Tanzform.

Currulao: heißer afrikanischer Rhythmus mit Gesang.

Guabina: Arbeitslied aus den Anden.

Merecumbé: Mischung aus cumbia und merengue.

Merengue colombiano: etwas schneller als der merengue aus Santo Domingo.

Pasillo: ein schneller Walzer.

Porro: eine schnellere cumbia.

 

Mexiko

 

Corrido: AJs Rhythmus ist der corrido die mexikanische Umformung der europäischen Polka (wie die mexikanischen valses). Corridos sind Lieder in Balladenform, stammen eigentlich aus dem frühen 19. Jahrhundert, von den Romanzen. Meist mehr deklamiert denn gesungen, kamen sie im mexikanischen Bürgerkrieg 1846-48 auf; die meisten ihrer Texte basieren auf historischen Szenen. Im 20. Jahrhundert sind die corridos de la revolución mexicana (1910-1920) wie Adelita sehr populär geworden. Sie spiegeln den Krieg wider. Heute sind corrido und ranchera, beide mexikanische Songstile, in den USA weit bekannt. Im Grunde sind die corridos einfache, klare Volkslieder, welche historische Ereignisse festhielten und unter den Leuten eine Art Geschichtsbewusstsein wach hielten.

Corrido del Norte: Unter norteño versteht man ein Ensemble, das aus Akkordeon, Gitarre oder dem bajo sexto, der 12‑saftigen Gitarre und dem Kontrabass besteht. Spuren von Walzer, Polka, Schottischem und auch des corrido mexicano lassen sich unschwer aus dieser Musik heraushören. Es ist eine typische Grenzland‑Musik. Im 19. Jahrhundert waren die canciones norteñas in diesem Grenzgebiet beliebt. Vor allem die Deutschen ‑ Eisenbahnbauer aus Böhmen und Mähren ‑ mit ihren Polka‑Musiken, von den Akkordeon Orchestern der Zeit gespielt, sind an der Entwicklung des estilo norteño beteiligt gewesen.

Huapango: eine schnellere huazteca. Der Text ist aber weniger lyrisch als bei der huazteca. Der huapango wird von fast allen Sänger und Gruppen in Mexiko gesungen,

Huazteca oder son huazteca: aus der Huazteca‑Region (nördlich von Veracruz). Besteht aus indianischen Elementen und dem berühmten son huazteca der Mestizen. Eine der schwierigsten Gesangsgattungen des mexikanischen Repertoires. Die huazteca besingt die Liebe in der reinsten Form. Die instrumentale Einführung zeigt die berühmte cadencia griega des spanischen Flamenco. Weltberühmt ist die huazteca Cucurrucucú, paloma.

Ranchera: Die rancheras sind keine Volkslieder im engeren Sinne. Sie dienten vielmehr im Theater als Unterhaltung zwischen den Akten. Im Balladenstil vorgetragen, war ihr Inhalt um 1910 auch nationalistisch; sie wurden dann später rasch kommerzialisiert.

Sandunga: eine Mischung aus jota de Navarra und Walzer.

Sones jarochos: ein "ritmo endiablado" der jarocho‑Bauern an der Küste im Bundesstaat Veracruz.

Sones de Michoacán: sind im 18. Jahrhundert entstanden und haben sehr alte Elemente weiterentwickelt. Berühmt ist der jarabe tapatío, der gesungen und getanzt wird.

Sones de Veracruz: darunter versteht man sehr schwierige und komplizierte Rhythmen der Musik der Mestizen. Die Einflüsse aus der Karibik ‑ der Hafen von Veracruz ist das Tor zur Karibik ‑ sind nicht zu überhören.

Vals: Der Walzer ist der populärste Rhythmus der mexikanischen Folklore. Er kam nach Mexico mit den französischen Soldaten zur Zeit Maximilians von Österreich, der 1867 in Querétaro (México) erschossen wurde.

Yucateca: sehr liebliche und langsame Lieder im Walzer‑Rhythmus aus dem Land der alten Mayas. Die yucatecas sind sehr melodisch und besingen sehr beschaulich und empfindsam das ewige Thema: die Liebe in ihren reinsten Formen. Berühmte Interpreten von yucatecas: Neben Guty Cárdenas (der beste, Interpret der yucatecas), Jorge Negrete, Pedro Infante, Miguel Aceves Mejía, Tony Aguilar, Cuco Sánchez, Chavela Vargas; neben weltberühmten Trios wie Los Panchos, Los tres caballeros, Los tres ases.

 

Paraguay

 

Balada oder canción: eine langsame Version der polca. Die Texte sind sehr lyrisch wie fast alle Lieder‑Texte in Paraguay. Oft enthalten sie Wörter oder gar ganze Sätze in guaraní Sprache.

Guarania: Der Rhythmus der guarania ist im 19. Jahrhundert entstanden, als die habanera in ganz Lateinamerika populär und der Einfluss der italienischen Oper am stärksten war. Sie ist ein sehr langsamer Walzer. Diese Liedform trägt den Namen der Indianer Paraguays, die ihr die Lieblichkeit und den Sinn für Lyrik und Empfindsamkeit gegeben haben. Themen der Texte: die schönsten Erinnerungen an eine geglückte Liebesbeziehung, eine angenehme Lebenssituation mit differenzierten Sinnesqualitäten, oft Liebeserklärung an die "india bella, mezcla de rosa y pantera".

Polca paraguaya: am meisten verbreitete Rhythmus‑ und Liedfom von Paraguay. Es handelt sich um die europäische Polka, die corrido heißt. Die polca paraguaya ist allerdings viel langsamer und differenzierter als der mexikanische corrido. Die Texte rufen oft auch heroische Taten der Geschichte Paraguays in Erinnerung.

Vals: Der Walzer ist in Paraguay nicht so verbreitet wie in Mexiko oder in Peru (vals criollo).

Interpreten: Los auténticos guaraníes. Es gibt in der ganzen Weft unzählige "Paraguayos"‑Gruppen. Die erste und wohl die berühmteste Gruppe war die um Luis Alberto del Paraná, bekannt als Los Paraguayos schlechthin. Nach seinem Tode haben sich vlele Gruppen von "Paraguayos" + Beiwort gebildet: Los mágicos paraguayos, Los buenos paraguayos usw.

 

Uruguay

 

Candombé: afrikanische Rhythmus‑ und Liedform der schwarzen Bevölkerungsgruppen aus Río da la Plata. Aus dem candombe oder candombé, gemischt mit habanera und milonga ist der tango entstanden.

 

Venezuela

 

Joropo llanero: ein sehr schneller und äußerst schwer zu spielender Rhythmus, der zu den "ritmos endemoniados" (teuflisch schwer und schnell) gehört. Der joropo llanero  kennzeichnet die Musik der Viehzüchter aus der Region Los Llanos in Venezuela. Diese Lieder besingen die Landschaft der Region, die Freude, in Los Llanos leben zu dürfen, die Arbeit. Die joropos werden auch in Los Llanos von Kolumbien gesungen. Sie sind Ausdruck der Lebensfreude.

Pasaje: neben dem joropo llanero der populärste Rhythmus Venezuelas; eine sehr melodische Liedform.

Polo: eine der wenigen lateinamerikanischen Rhythmen und Liedformen, die sich direkt aus dem spanische Flamanco (polo flamenco) entwickelt haben. Der polo aus Venezuela ist aber langsamer als der polo flamenco und besitzt keine "melismas" wie der andalusische polo.

 


Anmerkungen

 

(1)   Cf. dazu Kurt Pahlen, Mensch und Musik, München 1965, S. 200‑202.

(2)   Carlos Vega, zitiert nach Pahlen s. 201.

(3)   John Storm Roberts, "Quellen der lateinamerikanischen Musik", in: Magazin Horizonte 82. Zweites Festival der Weltkulturen, Berlin 1982, S. 66‑84.

(4)   Storm Roberts, S. 68.

(5)   Storm Roberts, S. 68.

(6)   Storm Roberts, S, 69.

(7)   Cf. dazu u.a. Dieter Reichhardt, Tango. Verweigerung und Trauer. Kontexte und Texte. Frankfurt a. M. 1981.

(8)   Gato Barbieri, zitiert nach Storm Roberts, S. 73.

(9)   Storm Roberts, S. 73.

(10) Storm Roberts, S. 76.

(11) Claus Schreiner: Música Latina. Musikfolklore zwischen Kuba und Feuerland. Frankfurt a. M. 1982, S. 17‑18.

(12) Die Zusammenstellung stammt vom Verfasser, auf der Basis der zitierten Literatur (insbesondere Schreiner).

(13) Iris M. Zavala: El bolero. Historia de un amor. Madrid 1991.